Berichterstattung: Workshop “Islam zwischen Rationalität und Radikalität “

Idee und Konzept

Vom 28.-30. Juli veranstaltete die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V. einen dreitägigen Workshop zum Thema “Islam zwischen Rationalität und Radikalität – historisch-theologische Hintergründe und soziale Herausforderungen“ in den Räumlichkeiten des Al-Mustafa Instituts in der Hardenbergstr. 8 in Berlin. Das Al-Mustafa Institut tritt hierbei als Dienstleister hervor und erarbeitete gemeinsam mit der IGS e.V. ein detailliertes Konzept aus, welches hier aufrufbar ist.

Der Workshop zielte auf eine genaue Analyse gesellschaftlich-historischer Faktoren, die zu jenen gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit dem Islam führen, sowie die Grundlagen innovativer islamischer Gruppierungen darlegen. Eine derartige Analyse deckt die Wurzeln von Extremismus und Radikalismus auf. Unter anderem werden Gegenargumente und Wiederlegung jener Gruppierungen erarbeitet.

Für eine detaillierte Untersuchung wurden drei Themenblöcke aufgestellt. 

Der theologische Themenblock stellte den Intellekt anhand koranischer Verse und Überlieferungen im Zentrum des menschlichen Daseins und als Vorraussetzung für die Begegnung mit dem Propheten.

Der historische Themenblock betrachtete das Islamverständnis des Propheten und dessen Entwicklung nach seinem Tod und der Beginn der Spaltungen. Hierbei wurde die Geschichte und Entstehung der Überlieferungswerke erläutert.

Der sozialpolitische Themenblock befasste sich intensiv mit der Entstehung religiös begründetem Radikalismus unter Berücksichtigung gesellschaftlicher und sozialer Bedingungen. Hierbei wird die Rolle der Politik, Medien und Gesellschaft genauestens analysiert und untersucht inwiefern sie in der Lage wären, präventive Rollen zu übernehmen.

Die Teilnahme am Workshop erfolgte über eine fristgerechte Einsendung eines inhaltlich relevanten Essays oder Exposes per E-Mail und mit der Beifügung eines Lebenslaufes. Daraufhin fand ein Auswahlverfahren statt. Die Teilnehmer sollten in etwa denselben Bildungsgrad angehören, sowie eine gesellschaftliche Wirkungskraft besitzen.

 

Vorbereitung und Organisation

Insgesamt nahmen 30 Teilnehmer einschließlich der Referenten am Workshop teil. Die Fahrt-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten übernahm die IGS e.V..Das Al-Mustafa Institut sorgte für das Design und den Druck als auch für ausreichend Werbung zu Anfang der Projektphase.

Die Referenten für die einzelnen Themenblöcke wurden sorgsam ausgewählt. Sie sollten Experten in den Themengebieten der Theologie, Geschichte und Sozialpolitik sein.

Zum theologischen Themenblock referierten Herr. Dr. Mahdi Esfahani, Professor der Philosophie und Leiter des al-Mustafa Instituts, wie auch Herr Dr. Jafar Morvarid, Professor in Philosophie und Theologie an der Firdausi-Universität in Maschhad. Die Juristin und islamische Theologin Frau Hamideh Mohagheghi, die Mitbegründerin des Frauennetzwerks Huda ist und 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, vervollständigte das Team.

Den historischen Teil übernahmen Frau Dr. Khansari Mousavi, eine promivierte Islamwissenschaftlerin und Dr. Mahdi Esfahani.

Frau Franziska Madmouj, IGS-Präventionsbeauftrage und Frau Mohagheghi übernahmen aufgrund ihrer vielen Erfahrungen im gesellschaftlichen Dienst den sozialpolitischen Themenblock.

 

Programmpunkte und Durchführung

Tag 1:

Der erste Tag wurde mit dem Gemeinschaftsgebet und einer Kennenlernrunde eröffnet.Den ersten Vortrag hielt Herr Dr. Esfahani im theologischen Themenblock zu dem Thema „Der menschliche Intellekt als grundlegendes Kriterium für die Begegnung mit dem Propheten.“ Hierbei wurde der menschliche Intellekt als unverzichtbarer Teil des Glaubens erläutert. Ein Mann ohne Intellekt habe demnach keinen Glauben. Gott sandte jedem Volk einen Propheten, der gemäß ihrer intellektuellen Fähigkeiten sprach. Selbst ihre Wundertaten entsprachen dem herrschenden Zeitgeist. „Intellekt“ stehe neben Ratio, Logos und Verstand für den arabischen Ausdruck „´Aql“.

Anschließend hielt Frau Khansari einen Vortrag über die Rolle des Intellekts in der Interpretation des Korans und der Überlieferungen. Der Koran appeliere an vielen Stellen an den Verstand der Menschen. Die Worte Gottes richten sich demnach an Menschen, die begreifen, wie z.B. in Sure Baqara, Vers 164: „und Er gab der Erde damit Leben, nachdem sie tot war und ließ auf ihr allerlei Getier sich ausbreiten - und im Wechsel der Winde und den dienstbaren Wolken zwischen Himmel und Erde, (in all dem) sind Zeichen für Leute, die begreifen.“ Oder „Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für die Leute, die Verstand haben.“ (16:67)

Abgeschlossen wurde der Themenblock mit einem Vortrag über die hermeneutischen Elemente in der schiitischen Methodologie der Jurisprudenz von Dr. Morvarid in englischer Sprache. Zentralthema war die Methode der Hadithwissenschaft. Es sei notwendig, Überlieferungen einer ganzheitlichen Betrachtung zu unterziehen. Es reiche nicht aus, lediglich die Überlieferungskette zu untersuchen. Sie muss im Einklang mit der Zeit und dem Verstand stehen. Unter anderem müsse man den Geist der Überlieferung erläutern. Welches Ziel habe diese und jene Aussage? So könne man eine Überlieferung auf verschiedene Situationen anwenden.

Der erste Tag wurde mit einem gemeinsamen Abendessen beendet.

Tag 2:

Den neuen Themenblock leitete Dr. Esfahani ein.Im historischen Themenblock sprach er über das Islamverständnis des Propheten in der Auseinanderstezung mit seinem sozialen Umfeld. Dieses wurde anhand koranischer Verse dargestellt. Zentralthema waren die Gefährten des Propheten. Erklärt wurde, dass nicht jeder, der den Propheten begegnete, sein Gefährte war. Denn unter ihnen gab es viele Verräter, wie der Koran beweist. So sei auch nicht jeder, der von sich behaupte ein Muslim zu sein, auch tatsächlich ein Muslim. Demnach gäbe es auch kein vollkommen authentisches Überlieferungswerk ohne zu wissen, wer zu den wahren Begleiter des Propheten gehöre.

Frau Khansari führte diesen Themenblock mit einem Vortrag über die Veränderungen des Islamverständnisses in der Zeit nach dem Tod des Propheten und die Geschichte der Überlieferungswerke fort.

Den sozial-politischen Themenblock eröffnete Frau Madmouj mit ihrem Vortrag über die psychologischen und sozialen Gründe für die Radikalisierung junger Muslime.Frau Madmouj erläutert drei Radikalisierungsebenen. Auf der Mikroebene stellte sie familiäre Faktoren in den Vordergrund. So können bestimmte Faktoren in der Kindheit oder Pupertätsphase und ein belastendes Familiensystem eine große Rolle spielen und eine Radikalisierung begünstigen. Gruppendynamische Prozesse, Abgrenzung und Isolation und die Rolle von sozialen Medien bestimmen die Mesoebene. Auf der Makroebene sind es vor allem politische Faktoren. So können Krieg, aber auch staatliche Diskriminierung, eine Radikalisierung hervorrufen.

Frau Mohagheghi schließte den Themenblock mit einer Analyse über die Rolle der Politik, den Medien und der Gesellschaft als Ganzes bei der Etablierung eines rationalen Islamverständnisses ab bzw. welche präventiven Rollen diese Instanzen gegen Radikalisierungsprozesse übernehmen können. Zudem wurden notwendige Verhaltensweisen aufgezählt, die wichtig für ein verständnisvolles Miteinander sind. Dazu zählt das Einnehmen einer Opferrolle bei islamkritischen Themen, welches kontraproduktiv sei, sowie die Notwendigkeit einer geeigneten Sprache, die kein religiöses Vokabular beinhaltet und die Teilnahme und die Mitsprache beim Gestalten der Gesellschaft.

Tag 3:

Nach Abschluss aller Vorträge wurden 6 Gruppen mit je 4-6 Teilnehmer gebildet. In der ersten Gruppenarbeit galt es, Themen aus dem historischen und dem sozialpolitischen Block zusammenzuführen. Hierbei sollten Ergebnisse zusammengestellt und eine Lösungsstrategie gebildet werden. Die zweite Gruppenarbeit verlief nach demselben Verfahren, jedoch sollten Themen aus dem theologischen und dem sozialpolitischen Block zur Diskussion gestellt werden. Am Ende wurden die Ergebnisse zusammengetragen und vorgestellt.

Am Ende wurde ein Thesenpapier seitens des Al-Mustafa Instituts und eine Handlungsempfehlung von der IGS e.V. erstellt.